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Astro

Manchmal werden Träume wahr.

Das war bitter! Ich hab heute Morgen eine Signal-Message von einer Freundin bekommen: „Hast du die Polarlichter heute Nacht gesehen? Atemberaubend…“ Dazu wirklich unglaubliche Fotos, die sie mit dem Smartphone gemacht hatte. NEIIIIN!!! Ich hatte überhaupt keine Ahnung gehabt!

Um Polarlichter zu sehen, muss man normalerweise nach Norwegen oder so reisen. Für mich unmöglich. Und jetzt kommen die zu uns? Und ich hab nichts davon mitbekommen! Trotz der abonnierten Astrophysik-Youtube-Kanäle. Liebe Leute, DAS wär doch mal vielleicht ein Thema gewesen, oder? Mann!

Schon als Kind war ich fasziniert vom Himmel über uns. ‚Der Weltraum. Unendliche Weiten…‘
1999 hatte ich eine dreiwöchige Ghana-Reise gebucht. Als ich gelesen hab, dass genau da die einzige totale Sonnenfinsternis meines Lebens genau über Europa sein würde, hab ich lange überlegt, den gesamten Urlaub zu stornieren. Ich hab es nicht gemacht. Und ich trauere dieser verpassten Gelegenheit heute, ein Vierteljahrhundert später, immer noch sehr nach.

Dass ich jetzt auch diese once-in-a-lifetime-Gelegenheit verpasst hab, tut wirklich weh. Ich google und lese, dass die Sonneneruptionen anhalten, dass in den nächsten 24 Stunden weitere starke Sonnenwinde erwartet werden. Vielleicht gibt es noch mal eine Chance? Heute Nacht muss ich raus! Weiterhin wolkenloser Himmel, Neumond, das sieht gut aus!

Ich richte meinen Kram, stelle Kamera und rote Stirnlampe ein. Ich esse üppig. Ich suche auf einer Lichtverschmutzungskarte den dunkelsten Ort raus, den ich noch gut erreichen kann. Es ist die Brandstetter Kapelle zwischen Durbach und Oberkirch. Dann lege ich mich um halb neun hin und schlafe erst mal eineinhalb Stunden. Das ist anscheinend meine Super Power. Wecker ist gestellt.

Ja und dann bin ich auf dem Weg. Das ist meine erste Fahrt mit der Forza im Dunkeln. Und sofort ist klar: das ist mal ordentliches Licht! Da muss ich nicht wie beim NIU zusätzlich die Stirnlampe aufsetzen, um draußen was zu sehen. Trotzdem fahre ich sehr vorsichtig. Ich weiß, wie oft da Rehe aus dem Wald laufen. Außerdem finde ich den Schalter für Fern- und Abblendlicht noch nicht zuverlässig und fahre statt dessen dauernd das Windschild hoch und runter. 🙂

Ich fahre aus Durbach raus und wundere mich: immer mehr Autos am Straßenrand! Ich fahre den Berg hoch, ja was ist denn hier los? In einem Weingut steppt der Bär. Bunte Lichter, laute Musik, Menschen kommen und gehen. Ich hab ein Déjà-vu.

Typischerweise stehen Astrofotografen bei eisiger Kälte mutterseelenallein mit ihrer Ausrüstung irgendwo im Niemandsland. Gefühlt fast so weit von der Zivilisation weg wie die Sterne, die sie fotografieren. Aber wenn ich den Nachthimmel fotografieren will, ist anscheinend Party angesagt.

Als ich an der Kapelle oben ankomme, sind da zwar keine Partygäste mehr. Aber wer jetzt denken sollte, dass es deshalb ruhiger wäre, liegt falsch. Die Sache mit den Polarlichtern hat sich rumgesprochen. Auto nach Auto rollt vorbei. Parkt. Wendet. Fährt wieder weg. Hier sieht man nämlich nullkommanix von einer Aurora borealis. Viele von den Leuten steigen nicht mal aus dem Auto aus, schalten nicht mal die Scheinwerfer aus!

Ich hab gelesen, dass die Polarlichter oft sehr schwach sind. Mit dem bloßen Auge nur als leichter, farbloser Schleier zu erkennen. Die Kameras können mit ausreichend Belichtungszeit aber die Farben einfangen. Das ist noch meine Hoffnung.

Aber auch daraus wird nichts. Ich müsste etwa 20-30 Sekunden belichten. Ich versuche es ein ums andere mal. Aber es gibt keine 20 Sekunden, ohne dass ein Auto vorbei fährt und alles in gleißendes Licht taucht. Es ist zum verrückt werden! Das ist keine stille Natur, das hier fühlt sich fast schon an wie der Wartebereich vor den ‚Piraten von Batavia‘ im Europapark! Der einzige farbige Schimmer am Himmel kommt von den bunten Scheinwerfern unten am Winzerhof.

Ich gebe auf und packe meinen Kram zusammen. Plan B. Ich fahre zurück, biege in Rammersweier links ab und fahre Richtung Wolfsgrube hoch. Wenn die Leute alle an der Kapelle in Durbach sind, ist es hier vielleicht ruhiger.

Ich parke den Roller und tatsächlich, hier ist Ruhe. Ich baue die Kamera auf, fotografiere. Leider, leider ist heute tatsächlich keine Spur von einer Aurora mehr da. Und die Luft ist etwas zu diesig für gute Sternenfotos. Trotzdem ist es schön hier. Ich lege mich hin und bestaune einmal mehr die Sterne. Und plötzlich fliegt ein erstaunlich großer und heller Meteoroid über den Himmel, bevor er lautlos verschwindet. Das hab ich auch noch nie gesehen! Wenn man sich bei einer gewöhnlichen Sternschnuppe was wünschen darf, was für ein Wunsch müsste das hier erst ein? Mindestens der Weltfriede! Mal schauen, ob es klappt.

Okay, das mit den Polarlichtern sollte offenbar nicht sein. Morgen wird der Himmel wohl nicht mehr klar genug sein, selbst wenn da welche entstehen sollten.
Manchmal weden Träume auch nicht wahr. Wenn wir sie einfach online bestellen könnten, wären es schließlich keine…

Nachtrag Sonntag:

Polarlichter sind ja Folge von sehr starken Sonneneruptionen. Und tatsächlich hat die Sonne grade das Maximum ihres 11-Jahres-Zyklus. Je mehr Aktivität, desto mehr Sonnenflecken. Hmm, kann man das auch selber sehen? Ich packe einen 1.000fach plus einen 64fach-Filter auf die Telelinse und fotografiere vom Balkon aus. Wegen der dünnen Schleierwolken ist das Bild nicht knackscharf, aber man hat einen Eindruck. Das ist die Lage jetzt um 13 Uhr:

Sieht für mich als Laien eigentlich gar nicht so wild aus. Die Eruptionen, die die Polarlichter ausgelöst haben, haben ja exakt auf die Erde gezeigt, müssten also (denke ich als Laie) von uns aus gesehen der Mitte der Sonne entsprungen sein. Im sichtbaren Licht sieht es da aber eher ruhig aus. Ich hätte doch etwas Spektakuläreres erwartet.

Nachtrag Dienstag

Ich hab etwas recherchiert: Es ist tatsächlich diese Ansammlung von Flecken rechts unten auf der Sonne, die für die Polarlichter am 10.05. verantwortlich war. Der Fleck wurde AR3664 genannt und ist etwa fünfzehnmal größer als die gesamte Erde. Und er hat wohl gewaltiges Potenzial!

Im Guten, indem er wunderschöne Polarlichter erzeugt (wenn man sie nicht verpennt wie ich). Im Schlechten könnte ein erneuter ‚Carrington Event‘ drohen. 1852 gab es schon mal so starke Aktivitäten. Das führte damals zu einem elektromagnetischen Sturm, der sogar Feuer in Telegraphenstationen auslöste. Mehr Elektrotechnik gab es damals ja noch nicht. Der gleiche Sturm heute, das mag sich niemand ausmalen…

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