Das ist jetzt vielleicht ein bisschen gemein gegenüber denjenigen, die hier seit Tagen in der Nebelsuppe festsitzen. Aber ich hab ja meine Roller, um beweglich zu sein. Und so hab ich die letzten Tage genutzt, um in die Sonne zu kommen.
Freitag mittag.
Ich hab im Edeka eingekauft und fahre von dort aus mal wieder eine kleine Runde zum Großen Deich. Einerseits ist es schon etwas langweilig, immer die gleichen Orte zu besuchen.
Andererseits erkennt man die Veränderungen, die Nuancen im Licht, in der Vegetation. Das macht die Natur noch mal anders spürbar. Und Überraschungsgäste kann man ja eh nie planen. So wie den Eisvogel heute. Oder den Bussard, der sich so dekorativ vor das Ortenberger Schloss drapiert hat. Ich sitze lange an der Kinzig bis mein Gesicht fast anfängt zu kokeln. Dann gehts wieder heimwärts.
Ich bin schon wieder in der Stadt, da fällt mir hoch oben ein Greifvogel auf: ein Turmfalke wahrscheinlich. Aber irgendwas stimmt nicht. Er flattert nicht, sondern kreist. Und die Flügel sind so breit.
Meine Erfahrung lehrt, dass es gut ist, in solchen Momenten zu fotografieren und zuhause nachzuschauen. Und tatsächlich: Es ist ein Sperber! Es ist erst das zweite Mal, dass ich überhaupt einen sehe, und im Flug bisher gar nicht. Schön!
Sonntag
Den Ausflug zum Schäferfeldpass gestern hab ich anscheinend super verkraftet. Meine Uhr zeigt Werte an, die ich seit drei Monaten nicht mehr hatte! Was mache ich damit?
Genau heute ist eine Kuschelparty in Freiburg! 16 bis 20 Uhr. Gute Bahnverbindung hin und zurück. Meine Güte, das täte echt mal wieder gut! Ich kalkuliere, recherchiere, wäge ab.
Nein, das Risiko ist zu groß. Der größte Haken ist nicht mal die Kuschelparty selbst sondern mein Rollstuhl. Schafft der noch die Wege und Steigungen bei den Umstiegen? Und wenn ein Aufzug kaputt ist, ist das Ding schlecht zu tragen. Nein, das kann ich nicht machen.
Es gibt ja auch künftig Kuscheltermine. Und mein Steereon sollte bald kommen. Mit dem wäre das hoffentlich viel, viel unkomplizierter. Vielleicht bekomme ich mal wieder eine Chance.
Also Plan B. Ich schaue aufs Wetterradar. Nirgends Sonne, außer ganz oben auf der Schwarzwaldhochstraße. Egal, ich fahre einfach mal drauf los.
Was das ausmacht, wenn man so viel Energie hat! Ich nehme die B33, lasse es laufen. Das fühlt sich heute überhaupt nicht anstrengend an. Ruck-zuck bin ich in Biberach. Wird es da vorne nicht ein kleines bisschen heller? Also weiter!
Steinach, Bollenbach, Schnellingen. Und genau, als ich Richtung Fischerbach komme, ist der Nebel weg, ein strahlend blauer Himmel leuchtet über mir! Ich schaue noch mal aufs Satellitenbild: Wolken, Nebel. Ich schmunzle. „Die Sonnenterrasse im Kinzigtal!“
Ich fahre den Gemsbühl hoch und setze mich in die Sonne. Herrlich!
Direkt hinter mir sitzt ein Turmfalke auf einem Obstbaum und lässt sich von mir überhaupt nicht stören, als ich die Kamera hole. Das sind wirklich schöne Tiere. Und dann höre ich hoch über mir ein seltsames Krächzen. Zwei Krähen kreisen über dem Wald. Die Größe ist von hier unten nicht abzuschätzen. Aber Krähen klingen anders. Sind das Kolkraben? Ich hab ein Déjà-vu: fotografieren, zuhause nachschauen. Stimmt, Kolkraben! Die Schwanzform verrät es. Noch eine Premiere!
Ich fahre noch nach Fischerbach rein, eine Runde durchs Dorf. Mal schauen, was sich seit letztem Mal verändert hat. Eine Brücke im Bau. Ferienhäuschen am Waldrand. Sonst steht noch alles am Platz. Ich besuche noch eine Bekannte, dann mache ich mich auf den Heimweg. Und gleich hinter Bollenbach verschluckt mich wieder der Nebel.
Das war natürlich kein Kuscheln heute. Aber hey, letztes Jahr um diese Zeit saß ich zwei Monate lang komplett in meiner Wohnung fest! Da will ich wirklich nicht jammern.
Montag.
Offenbar hab ich gestern viele Kalorien verbraten. Ich hatte gut gegessen, aber ab ein Uhr nachts hatte ich wohl Unterzucker. Da laden sich die Speicher nicht gut auf. Leider bin ich auch nicht genug aufgewacht, um das zu beheben.
Und so hab ich heute etwas Mühe, mich aufzuraffen. Erst nachmittags schaffe ich es aus dem Haus. Ab Gengenbach soll Sonne sein, ich kenne ja inzwischen das Prozedere.
Als ich dort ankomme, erwische ich grade noch die letzten Strahlen, dann zieht der Nebel das Kinzigtal hinauf. Tja, selber schuld, wenn man so rumschlumpft! Ich komme ins Gespräch mit einem Mann, dann fällt mir auf: Das ist ja ein ehemaliger Kollege! Wir reden eine Weile, es ist schön. Er geht dann wieder, ich bleibe noch etwas sitzen.
Und plötzlich reißt oben der Nebel wieder auf. Das sieht jetzt völlig surreal aus! Wie eine Modelleisenbahn-Landschaft, über die jemand Kunstnebel pustet. Ich fotografiere und staune und kann ich gar nicht satt sehen!
Als die Sonne hinter den Bergen verschwindet, fahre ich wieder los. Die Luft in dieser Suppe ist so feucht, dass das Windschild und mein Helmvisier beschlagen. Zum Glück sind beide beweglich. So lange nur meine Brille klar bleibt. 🙂
In Ortenberg öffnet sich das Kinzigtal und oben um das Schloss herum kommt wohl doch noch etwas Licht herein. Ich fahre hoch und nehme diese nun wirklich allerletzten Strahlen heute noch mit. Nur nichts verkommen lassen!
Dann ist es Zeit, Feierabend zu machen…
























