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Natur

Wie geht Natur?

  • Natur

Als ich die Treppen runter gehe, sind die Knie doch etwas weich. Aber nach einer Woche kann ich endlich mal wieder vor die Tür. Und das Wetter spielt auch noch mit! Ich fahre mit dem kleinen Roller an den Waldrand hinter Rammersweier. Da hängen direkt neben dem Fahrweg ein Futterhäuschen und einige Meisenknödel, und da ist immer viel Leben.

Ich bin recht spät dran und nicht der Einzige, der unterwegs ist. Sobald jemand vorbei spaziert oder fährt, ziehen sich die Vögel zurück. Die Meisen sind ziemlich entspannt nach einer Minute wieder da. Andere Vögel brauchen etwa fünfzehn Minuten, bis sie sich wieder ran trauen. Kleiber, Buntspechte, Kernbeißer lauern oben in den Ästen der Bäume auf ihre Chance.

Gerade als zwei Kernbeißer näher kommen wollen, kommt ein Auto und parkt direkt vor dem Futterkästchen. Mist!

Begegnung 1

Ein betagter Herr steigt aus und rüttelt dran. „Noch genug drin.“ Ich komme mit ihm ins Gespräch. Es ist der ehemalige Ortsvorsteher von Rammersweier. Er pflegt und betreut die Futterstellen. „90 kg Sonnenblumenkerne waren das über den Winter!“ Er legt Bienenweiden am Ortsrand an und ist auch sonst sehr engagiert. Er zeigt mir die kleinen blauen Blümchen zwischen den Rebstöcken neben dem Weg. „Das sind die ersten Bienenweiden für die Wildbienen.“

Dann redet er über die Pferdekoppel, die ein Stück weiter hinten angelegt worden ist. „Da wurden 80 ha eingezäunt. Rehe kommen da nicht mehr durch. Wenn die einmal Kontakt mit dem Elektrozaun hatten, kommen sie nie wieder.“ Die Rehe konzentrieren sich deshalb außerhalb des Terrains und verbeißen dort den Wald.

Er schüttelt den Kopf. „Ich verstehe nicht, was der Sinn sein soll und wie die Artenvielfalt dadurch gefördert werden soll, dass Pferde durch den Wald laufen.“ Ich spüre, wie sehr ihn das beschäftigt.
Er verzweifelt daran, dass das Totholz im Nordschwarzwald dem Borkenkäfer überlassen wird.
Er versteht nicht, weshalb Saatkrähen geschützt werden, wenn es hier so viele davon gibt. Okay, das kann ich persönlich nachvollziehen. Er erzählt, wie diese Vögel jungen Lämmern die Augen aushacken und sie töten. Beim Wandern hab ich mal einen Schäfer getroffen, der neben so einem toten Lamm stand. Er hat fast geweint.

Wir reden noch eine Weile, dann verabschiedet er sich.

Als der Mann wieder weg ist, kommt kurz darauf ein Auto vorbei und fährt in den Wald rein. Seltsam, das ist eine ziemlich steile ehemalige Panzerstraße, das tut kaum jemand sich und seinem Auto an. Ich warte etwas, dass wieder Ruhe einkehrt. Dann beschließe ich spontan, ihm zu folgen. Ich möchte mir jetzt sowieso ansehen, wie der Wald innerhalb der Einzäunung so aussieht.

Der Unterschied ist sehr deutlich: Rechts des Fahrweges ist der Waldboden sehr licht und übersichtlich. Buschwindröschen bilden einen hellen Teppich. Auf der linken Seite dagegen ist fast der gesamte Boden zertrampelt und aufgebrochen.

Begegnung 2

Ich fahre weiter. Als ich aus dem Wald heraus komme, steht da das Auto und ein junger Kerl, der grade Material auslädt. Ich frage ihn, ob er mit den Pferden hier zu tun hat. „Ja, über den Winter ist das hier ihr Revier. Im Sommer stehen die im Nordschwarzwald, zum Beispiel auf der Hornisgrinde, um sie offen zu halten. Hier werden so lange die Zäune entfernt. Darum kümmere ich mich.“

Er ist kein Profi, er macht das in seiner Freizeit im Auftrag des Regierungspräsidiums. Ich frage ihn, welchen Nutzen die Pferde im Wald haben. „Das soll die Biodiversität erhöhen. Ein Beispiel ist, dass der aufgebrochene Boden jede Menge Nistmöglichkeiten für Wildbienen bietet. Außerdem halten die Pferde die Brombeerhecken klein, die sonst alles zuwuchern.“ Viel mehr kann er mir nicht sagen. Er ist noch nicht so tief drin in der Materie und hilft nur.

Und nun?

Es ist schon verrückt: Ich treffe unmittelbar hintereinander zwei Menschen, die beide die Natur lieben. Die beste Absichten haben. Die ihre Freizeit opfern, um sich im Naturschutz zu engagieren. Die sich beide z.B. um die Wildbienen sorgen. Und die, so habe ich den Eindruck, trotzdem beide die Ideen des anderen kaum verstehen können.

Es ist auch kein Wunder. Die Natur ist ja unfassbar komplex. In jedem Ökosystem gibt es unendlich viele Faktoren, die es beeinflussen und von ihm beeinflusst werden. Alles verändert sich stetig. Es ist eben gerade kein perfekt ausbalanciertes System, kein Paradies, sondern ein kontinuierlicher Kampf. Und wir Menschen tun uns schwer damit, das zu begreifen.

  • Wir freuen uns, dass es wieder Weißstörche hier gibt. Die fressen aber neben Mäusen auch Reptilien, die sie finden, zum Beispiel Blindschleichen. Oder die Eier und Nestlinge des vom Aussterben bedrohten Brachvogels. Das wusste ich nicht, das hat mir der ältere Mann heute erzählt und das scheint wohl auch zu stimmen.
  • Wir Menschen lassen unsere Katzen raus, weil das artgerechter ist als in der Wohnung. Aber draußen werden die (und noch mehr die streunenden Katzen) zur inzwischen kritischen Bedrohung für viele Vogelarten.
  • Wir geben uns Mühe, teils sogar mit Drohnenaufklärung, Rehkitze vor dem Mähdrescher zu retten. Im Wald verbeißen die Rehe aber (wegen fehlender Raubtiere) alles, was an Bäumen nachwachsen könnte. So kann kaum ein lebendiger Wald entstehen.

Was man dem einen gibt, nimmt man dem anderen. Es ist unendlich schwierig, da ein stimmiges Naturschutzkonzept zu entwickeln. Gibt es überhaupt ein klares Richtig oder Falsch? Zumindest sofern die Natur nicht grade vergiftet oder zubetoniert wird?
Wir müssen uns wohl voran tasten mit Versuch und Irrtum. Und akzeptieren, dass es niemals eine perfekte Lösung geben wird.

Ziemlich klarer Fall

Gerade wo ich das hier tippe, kommt eine Campact-Mail rein:
Agrarwende retten: Söders Lobby-Minister verhindern„.
„2018 wurde Günther Felßner wegen Boden- und Gewässerverunreinigung verurteilt. Jahrelang ließ er illegal umweltschädliche Silagesickersäfte von seinem Hof auf ein Nachbargrundstück abfließen. Trotz mehrfacher Aufforderungen des Landratsamts Nürnberger Land unternahm er nichts. Erst ein Gerichtsurteil zwang ihn, diese Umweltverschmutzung zu beenden – und verurteilte ihn zu 90 Tagessätzen à 80 Euro. Jetzt soll ausgerechnet er Landwirtschaftsminister werden.“

Hmm, warum wundert mich das nicht?
Also da sollte es ausnahmsweise nicht ganz so kompliziert sein, Richtig und Falsch zu unterscheiden…

3 Gedanken zu „Wie geht Natur?“

  1. Hallo Klaus,

    gerade nachdem ich deinen Artikel gelesen habe, stoße ich in meinem email-Postfach auf den Campactaufruf „der darf nicht Minister werden“. Okay, kann man ja mal anklicken, du hast recht, das ist ziemlich eindeutig. Ob es was nützt ist die andere Frage. Da wird es schon wieder kompliziert.

    Liebe Grüße und vielen Dank für den spannenden Text!
    Ich habe ihn sehr interessiert durchgelesen, ständig mit der Frage: wo führt er uns hin?
    Tja vor weitere Fragen.

    1. Gemein, aber so ist es wohl, das Leben. Immer mehr Fragen als Antworten. 🙂

      Die Campact- und Avaaz-Aktionen sollte man nicht unterschätzen. Die haben natürlich nicht immer Erfolg, aber die wissen ziemlich gut, wo sie ihre Hebel am wirkungsvollsten ansetzen können. Ein Europapolitiker hat bei einem Vortrag in Offenburg mal aus dem Nähkästchen geplaudert, dass manchmal ein einzelner Brief an einen Abgeordneten einen Unterschied machen kann.
      Das bekomme ich ja auch mit beim Thema ME/CFS: Das meiste, was bisher politisch voran gegangen ist, wurde von Abgeordneten voran getrieben, die selbst jemand schwer Erkrankten in der Familie oder im Umfeld oder im Wahlkreis haben. Und das quer über alle Parteien.

  2. Lieber Klaus,
    sehr klasse! Hat mir gut gefallen, deine gegensätzlichen Eindrücke zu lesen.
    Ja, wir sind mit unseren Werten und Einstellungen ziemlich naturfern geworden. Der Ortsvorsteher hat noch alte Werte im Kopf, in denen es eine Sünde ist, Holz „verkommen“ zu lassen. Und dass es eine Chance sein kann, es wenigstens in bestimmten Gebieten einmal auszuhalten, die Natur Natur sein zu lassen.

    Wenn der Mensch eingreift, gibt es immer Zielarten, was auf Kosten anderer Arten geht. Die Koniks (gerade auf der Talebuckelweide) beispielsweise sind Teil des Grindenmanagements rund um den Nationalpark. Die Grinden sind eine alte (und einzigartige) Kulturlandschaftsform, die ohne Koniks, Hinterwälder, Schnucken und Heckrinder zuwachsen würde. Mehr Wald. Wald ist super! Aber die selten gewordenen Kreuzottern, Eiszeitreliktarten wie die Gebirgsschrecke und andere Beasties verlören ihren Lebensraum. Also: eingreifen. In den Kernzonen dagegen: Prozessschutz. In Ruhe lassen und gucken, was passiert. Find ich superspannend.

    Wenn du Interesse hast, schicke ich dir gerne Tipps für Mediatheken und Vorträge auf YouTube und anderen Kanälen, die sich mit solchen und ähnlichen Themen befassen. Aktuell bin ich hingerissen von Kadaverökologie. Alleine das Wort! In der ARD-Mediathek läuft das Thema schön aufbereitet in der Doku „Ein Festmahl für Tiere“.

    Einen großen Dank für deinen Hinweis, dass manchmal ein Brief genügt, um Wirkung zu zeigen. Derzeit besticke ich Taschentücher mit persönlichen Botschaften an Menschen (#gentleprotest), die sich gegen die Erweiterung des Nationalparks stemmen (obwohl das im Koalitionsvertrag vereinbart ist). Die beiden separaten Teile sollen zusammengeführt werden. Nach gefühlt 1000 Zugeständnissen hat der Nationalparkrat (in dem auch die Gemeinden um den NP sitzen) der Erweiterung zugestimmt – mit einer Gegenstimme (Baiersbronn). Ist aber keine Verpflichtung für den Landtag, der im Herbst das Gesetz entsprechend ändern muss. Manuel Hagel hat auf sein Taschentuch sehr positiv reagiert. Einen langen Brief geschrieben. (Oder schreiben lassen?) Jetzt sind sein Stellvertreter und die bockige FDP dran.

    Herzliche Grüße, Silke :-)))

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