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Motor

„Es ist doch der Motor!“

  • ME/CFS

Es gibt einen Medizinierspruch: „Wenn der Patient mit mehr als fünf Symptomen kommt, ist es wahrscheinlich psychosomatisch.“ Natürlich ist es nur ein Spruch, und die meisten Mediziner machen sich die Arbeit einer richtigen Diagnosestellung.

Bei ME/CFS bisher allerdings nicht wirklich. Man hat zwar jede Menge Diagnose betrieben, aber halt nur da, wo man sich schon auskennt. Wie der Betrunkene, der nachts seinen verlorenen Schlüssel da sucht, wo es hell ist, anstatt da, wo er ihn verloren hat. Im Hellen hat man nichts gefunden, also wurde der alte Spruch von oben aus der Mottenkiste geholt und – schwupps – psyichatrische Diagnose.

Bei Long Covid ist das nun schwierig geworden, weil so viele Menschen in so kurzer Zeit krank geworden sind, und das auch noch nach einer Infektion. Trotzdem tut sich die Medizin unnötig schwer. Viele Ärzte hoffen immer noch darauf, dass sich das Problem löst, indem alle Long Covid-Patienten einfach so wieder gesund werden. Viele haben nach wie vor Zweifel daran, dass ME/CFS eine Realität ist.

Ein häufiges Argument ist auch hier: „Das sind über 200 verschiedene berichtete Symptome, das ist kaum zu greifen. Da müssen wir erst mal ganz viel Daten sammeln und Symptomcluster bilden, und dann sehen wir weiter, jede Fachdisziplin für sich.“

Aber das Ganze ist glaube ich eine Fehleinschätzung. Ein kleines Gedankenspiel:

Ein Mann fährt sein Auto in die Werkstatt. Der Mechaniker fragt, was das Problem sei.
„Immer wenn ich aufs Gas trete, säuft der Motor ab. Bergauf fahren geht nicht. Beschleunigen geht nicht. Die Bremse geht furchtbar schwer, und die Lenkung auch.“

Der Mechaniker runzelt die Stirn. „Haben Sie genug Benzin im Tank?“ „Ja, fast voll.“
Er geht um das Auto herum, zählt die Räder, alle vollzählig. „Sind Sie sicher, dass Sie Auto fahren können? Treten Sie fest genug aufs Gas?“ Der Kunde leicht beleidigt: „Nach 150.000 Kilometern bin ich mir ziemlich sicher – ja.“

Der Mechaniker: „Wissen Sie, das sind sehr verschiedene Symptome. So etwas ist schwer zu fassen.“
Der Kunde: „Ich denke, es gibt ein Problem mit dem Motor. Wenn der nicht mehr richtig läuft, ist doch klar, dass alles klemmt, was den Motor braucht, oder? Servolenkung, Bremskraftverstärker und so weiter.“

Der Mechaniker kneift die Augen zusammen. „Wer hat Ihnen so was erzählt?“
„Na Sie sind doch Mechaniker. Schauen Sie sich den Motor an!“
„Das brauche ich nicht. Da kann nichts kaputt sein.“
„Woher wissen Sie das, wenn Sie nie nachschauen?“
„Ich bin Mechaniker, und ich mache den Job schon lange. Wenn es da Probleme gäbe, wäre das bekannt. Motoren können nicht kaputt sein.“

Es klingt absurd, aber bei ME/CFS war genau das in der Vergangenheit die Lage. Die Zusammenhänge zwischen Immun-, Nerven- und Hormonsystem sind wirklich furchtbar komplex. Aber irgendwie kommt es am Ende dazu, dass die Mitochondrien nicht mehr genug Energie in Form von ATP-Molekülen produzieren können. Die Mitochondrien sind der Motor unter der Haube.

Und so sind es plötzlich gar nicht mehr so viele seltsame Symptome, die die Betroffenen berichten. Eigentlich ist es nur noch eins: Jede Zelle im Körper, die viel arbeiten muss, gerät aus dem Takt und versagt, sobald das ATP alle ist. Egal ob Nervenzelle im Kopf oder Muskelzelle in den Beinen oder was auch immer.

Bisher war die geltende Lehrmeinung tatsächlich, dass Mitochondrien nicht kaputt gehen können. Das stand vor zwei Jahren noch zu ‚Mitochondriopathie‘ bei Wikipedia, heute gibt es wenigstens einen kleinen Absatz, der die Möglichkeit nicht ganz ausschließen will. Das stand damals z.B. auch auf der Webseite der Uniklinik Freiburg für seltene Erkrankungen: Man unterscheidet grundsätzlich zwischen angeborenen und erworbenen Mitochondriopathien. Aber erworbene kämen in der Praxis nicht vor.
Eine erstaunliche Theorie. Ich glaube nicht, dass es sonst irgendwas im Körper gibt, das nicht kaputt gehen kann. Aber es war so halt einfacher, als sich die Hände schmutzig zu machen und unter die Haube zu schauen.

Zum Glück gab es auch bisher schon vereinzelt Forscher, die sich die Handschuhe angezogen und sich an die Arbeit gemacht haben. Auf deren Arbeiten könnte man nun aufbauen.
Könnte.
„Aber vielleicht erledigt sich das Problem ja doch noch von selbst? Oder wir finden doch noch Viren im Körper? Oder es ist doch psychisch? Ich meine, all die Coronamaßnahmen! Oder sind das alles Impfnebenwirkungen? Oder liegt es an fehlenden Impfungen?“

Die Beharrungskräfte im System sind enorm! Die meisten wollen einfach nur weiterhin das glauben, was sie schon immer geglaubt haben. Hauptsache es ist nicht dieses ME/CFS! Das ist manchmal echt schwer auszuhalten für uns Betroffene. Aber egal, wie stur Menschen sein können. In der Disziplin ‚Sturheit‘ ist die Realität praktisch nicht zu schlagen…

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