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Landwirtschaft

  • ME/CFS

Seit drei Jahren bin ich nun krank. Ich hab mich ganz gut damit eingerichtet. Ich hab gelernt, Überlastungen zu vermeiden. Ich bin kreativ. Ich bin wieder halbwegs mobil und finanziell einigermaßen abgesichert. Ich hab in der Zeit einiges erreicht. Das ist unter den gegebenen Bedingungen keine schlechte Leistung.

Aber manches kann ich nicht selbst machen: Kontakt, Begegnung, Austausch, Nähe. Mein inneres Team redet zwar gern und viel, aber das ist kein Ersatz. Sorry, folks.

Ich hab jede Menge freie Zeit. Viel mehr als fast alle anderen Menschen. Ich versuche, meine Tage zu füllen. Ich verabrede mich, mache Termine. Ich freue mich drauf. Aber der überwiegende Teil davon wird kurzfristig wieder verschoben oder abgesagt. Meist aus wirklich nachvollziehbaren Gründen. Ich kann da niemandem böse sein. Und manchmal muss ich absagen, weil mir die Krankheit trotz aller Vorsicht mal wieder einen Strich durch die Rechnung macht.

Kontakten ist wie Landwirtschaft. Ich muss säen, damit ich etwas ernten kann. Säen ist anstrengende Arbeit. Das muss ich mit ME/CFS sehr vorsichtig dosieren. Manches wächst trotz der Mühen nicht an. Manches fällt dem Wetter zum Opfer. Und manchmal wird trotz sorgfältiger Planung so viel auf einmal reif, dass ich einen Teil nicht ernten kann. Der fehlt später dann wieder.

Unterm Strich ist das Verhältnis Aufwand/Ertrag oft so schlecht, dass ich überlege, ob diese Arbeit überhaupt Sinn macht. Aber Hunger tut weh. Und so kremple ich immer wieder die Ärmel hoch. Und säe. Und freue mich auf die Ernte. Und muss die Enttäuschung verkraften, wenn es mal wieder nichts geworden ist. Manchmal zum Sterben zu viel, zum Leben zu wenig.

So ist Landwirtschaft seit Menschengedenken. Manche Historiker sagen, dass das Leben als Jäger und Sammler viel weniger beschwerlich war. Dass es der verhängnisvolle Fehler der Menschheit war, mit dem Ackerbau zu beginnen. Vielleicht sollte ich also los lassen? Nicht mehr planen, nicht mehr organsieren. Sondern offen sein und warten, wer mir über den Weg läuft?

Dazu muss ich aber auch nach draußen gehen. In meiner Höhle ist niemand außer mir. Und für dieses Rausgehen fehlt oft die nötige Kraft, vor allem gegen Abend, wenn normale Leute Zeit haben. Da beißt sich die Katze in den Schwanz.

An dieser Stelle des Textes sollte jetzt eine hübsche Wendung kommen. Etwas, was den Kreis schließt und das Thema elegant in die Zukunft weist.

Ich schreibe das, sobald mir was einfällt…

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