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Astronaut

Astronaut

Seit drei Wochen klebe ich wieder Nikotinpflaster. Allerdings diesmal nur so drei Stunden pro Tag, und das scheint eine gute Dosis zu sein. Die Matschbirne und das bleierne Erschöpfungsgefühl sind fast komplett weg!

Mehr Energie hab ich deshalb aber nicht zur Verfügung. Da ist natürlich die Verlockung groß, mich zu überlasten. Selbst meine Uhr verschätzt sich mit den Energiereserven. Aber das ist jetzt halt mal wieder eine Lernsache.

Testflug

Am Sonntag fühle ich mich relativ gut. Und so beschließe ich, etwas total Verrücktes zu tun. Ich will ins Kino! Das letzte mal war 2021. Ich hab den Vormittag auf dem Balkon in der Sonne verbracht. Ich hab gut zu Mittag gegessen. Ich hab ein 25-Minuten-Nickerchen gemacht. Ich hab Silikon-Ohrstöpsel und die Noice-Cancelling-Kopfhörer eingepackt.

Und so sitze ich dann um 14:30h tatsächlich in einem ziemlich kleinen Kinosaal, es sind nicht viele Leute da. Kein Wunder bei dem herrlichen Wetter draußen. Das war ja auch mein Plan, um die ganzen Reize im Rahmen zu halten.

Die Werbung ist grenzwertig. Viele schnelle Bilder, laut, hektisch, nervig. Ich mache die Augen zu und die Ohrstöpsel rein, dann geht es. Die Vorfilme ertrage ich schon besser. Und als der eigentliche Film endlich startet, ist es kein Problem mehr. Ich hebe ab in die Schwerelosigkeit.

„Der Astronaut – Project Hail Mary“ ist der Film. Ich hab letztes Jahr das Hörbuch runter geladen und war begeistert! Die Verfilmung nun hat überragende Kritiken bekommen.

Es geht dabei um einen Molekularbiologen, der mit Begeisterung als Lehrer an einer Schule arbeitet, seit er als Wissenschaftler gefeuert wurde. Jetzt verdunkelt sich plötzlich langsam die Sonne und niemand weiß, warum. Die Menschen müssen also eine Weltraummission starten, um den Grund herauszufinden und rechtzeitig zu beheben, bevor alle verhungen. Der Lehrer findet sich plötzlich in einer wahrhaft ungewohnten Lage wieder.

Die Hälfte des Buches geht um Astrophysik und Zellbiologie. Amtliches Futter für seltsame Menschen wie mich. Aber die andere Hälfte ist voller Wärme und Menschlichkeit und Humor.

Ich liebe gute Science Fiction. Wenn ich den Sternenhimmel sehe, bin ich vollkommen fasziniert. Das ging mir schon als Kind so. Wahrscheinlich ist es eine Mischung aus ordentlich Nerdiness, der Bewunderung für wagemutige Forscher und – zugegeben – einigem Eskapismus.

Ich weiß, dass es da droben absolut lebensfeindlich und gefährlich ist. Menschen haben außerhalb der Erde nichts verloren. Und trotzdem sind wir ein Teil des Ganzen um uns herum. Wir sind den gleichen Naturgesetzen unterworfen wie alle Existenz im gesamten Universum. Das rückt manches in unserer menschlichen Arroganz heilsam gerade.

Der Film ist viel zu schnell vorbei, obwohl er zweieinhalb Stunden läuft. Aus gutem Grund haben sie das Meiste des wissenschaftlichen Teils extrem gerafft oder ganz weggelassen. Nur mit Nerds bekommt man die Produktionskosten ja nicht wieder eingespielt. Trotzdem ist der Film sehr gelungen. Als er zuende ist, brauche ich eine Weile, um wieder auf der Erde zu landen.

Und nun? Ich könnte was zu Essen vertragen. Unterwegs eine Pizza mitnehmen? Oder einen Burger? Die Abendsonne strahlt inzwischen flach und noch angenehm warm in die Stadt herein, es sieht wunderschön aus!

Als ich bei der Laubenlinde ankomme, ist sie tatsächlich schon geöffnet. Ich gehe hinein. Es sind schon einige Tische belegt. Ich bestelle mir einen Burger. „Das dauert so zwanzig Minuten!“ Kein Problem, ich warte solange am Tresen. Auch hier drin ist das Licht wie gemalt. Auf den Tischen brennen Kerzen, es ist eine lebendige, entspannte Atmosphäre. Wir mir das fehlt!

Neben mir baut jemand eine Gitarre und ein Cajón auf. Nein, Musik gibt es heute noch nicht, er macht nur Fotos. Am Mittwoch, 25.03. wird er, ‚Captain Cleiß‘, hier Gitarre spielen und singen, und alle dürfen mitsingen, die Texte liegen dann auf den Tischen. Mensch, da wäre ich auch gerne dabei, aber das übersteigt nun wirklich meine Möglichkeiten.

Während er so kruschtelt, warte ich auf meinen Burger. Der Laden ist inzwischen gut gefüllt. Die Zeit vergeht, die Sonne ist untergegangen. Inzwischen 40 Minuten seit ich bestellt hab und es geht mir gar nicht mehr so gut. Ich rutsche in Unterzucker. Ich sage der Kellnerin Bescheid, cancle meine Bestellung und gehe nach Hause.

Es gibt schnelle Spaghetti und Bolognese aus dem Glas. Danach bin ich wieder obenauf und gehe bald ins Bett. Hoffentlich hab ich mit dieser ganzen Aktion heute keinen riesigen Fehler gemacht!

Nachtrag Montagmorgen: Ich hab super geschlafen und genauso viel Energie wie sonst auch. Ich bin sooo erleichtert! Der Astronaut ist also sicher wieder auf die Erde zurückgekehrt.