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Ghana

Abenteuergeist

Meine Haupttätigkeit, und das ist keine Übertreibung, ist youtube-Videos schauen. Dabei wechseln die Themen mit der Zeit. Über Fotografie zum Beispiel weiß ich inzwischen wohl das meiste, was man aus Videos lernen kann. Und über neue Kameras informieren muss ich mich auch nicht. Für das, was ich noch machen kann, reicht meine Ausrüstung locker.

In den letzten Wochen war mein Lieblingsthema Motorradreisen. Wochenlang hatte der youtube-Algorithmus mir immer wieder Videos von ‚Ichty Boots‚ empfohlen. Also hab ich mal rein geschaut. Und war dann total begeistert!

Noraly

Noraly, eine Holländerin Ende dreißig, reist seit 2018, also seit ich krank bin, per Motorrad völlig alleine um die Welt. Abseits der Tourie-Orte und selten auf befestigten Straßen. Inzwischen hat sie knapp 800 Videos hochgeladen und über drei Millionen Abonnenten.

Ich hab bestimmt schon dreißig der Videos gesehen. Das sind faszinierende Einblicke in abgelegene Gegenden. Atemberaubende Drohnenaufnahmen. Ein ständiges Ringen mit den Elementen und Bedingungen. Ein gewaltiges Abenteuer. Ich erlebe mit, dass die Welt bei Weitem nicht nur aus den winzigen Ausschnitten besteht, die in den Nachrichten kommen oder in Reisekatalogen verkauft werden.

Resonanz

Irgendwann fiel mir aber auf, dass es nicht nur das ist. Da ist eine Verbindung. Was ich mache, ist natürlich viele Größenordnungen runter skaliert. Auch als ich noch gesund war, hätte ich mich niemals getraut, so viel zu riskieren. Ich hätte mich im Leben nicht so gequält.

Aber ich fahre heute auch aus Freude durch die Gegend. Da ist eine Idee, wo ich hin könnte. Ich wäge die Risiken ab, überlege, was ich einpacken muss, wo ich notfalls abkürzen kann. Wie ich es überhaupt möglich machen kann. Ich hab überhaupt kein Interesse, schnell zu fahren. Ich will neue Ecken erkunden, mich überraschen lassen. Ich genieße es sehr, auf zwei Rädern dahin zu rollen. Ich rede mit Menschen, die ich unterwegs treffe. Und ich halte Eindrücke fest, um sie hinterher mit euch zu teilen. Wenn man mein verfügbares Energieniveau so berücksichtigt, ist das vielleicht tatsächlich ähnlich.

Noch konkreter

In den letzten Tagen hab ich Noraly’s Videos aus Ghana angeschaut. Das hat mich besonders interessiert, weil ich da ja auch schon war. Also mit Flieger und organisierter Reise, nicht mit Motorrad. Zum Teil waren wir sogar an den selben Orten. Noch so ein Gefühl von Resonanz.

Ich hab dann mal geschaut, was aus Nyanyano inzwischen so geworden ist. Das war damals, 1999, ein winziges Dorf, vielleicht einen Kilometer vom Kasapa-Center entfernt, dem Camp, wo ich gewohnt hatte. Ich bin zig mal rüber gelaufen, um Keksnachschub zu kaufen.

Der Weg dorthin ging durch niedriges Buschland, wo alles Mögliche lebte. Einmal lief ich durch das Dorf und sah, wie die Leute eine Schlangenhaut zum Trocknen auf dem Boden auslegten. Den fünf-Meter-Python hatten sie direkt hinter den Häusern gefangen. Schluck.

Das Dorf hatte damals größtenteils keinen Strom, kaum fließend Wasser und gar keine Kanalisation. Es waren hauptsächlich kleine Buden zwischen rotem Sand.

Ich hab gegoogelt: Heute hat Nyanyano 27.000 Einwohner, mit Kirchen, Krankenhaus, Fitness-Centern, Gastro und so weiter! Auf dem Satellitenbild erkennt man kaum noch unbebaute Flächen im Umkreis von zehn Kilometern.

Klar, mein Besuch ist über 25 Jahre her. Aber das Kasapa-Center gibt es immer noch, und es wird immer noch betrieben von Susanne und Kofi. Wirklich erstaunlich, wie radikal sich manches ändert während direkt daneben die Zeit wie still steht.

Das waren echt viele Gedanken, Eindrücke, Erinnerungen in den letzten Tagen.
Ich bin sooo froh, dass ich in jüngeren Jahren meine Zeit genutzt hab anstatt nur Bausparverträge anzusparen!