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Kerzchen

Lichtlein

Mittwoch morgen, der Frühling ist endlich da! Strahlender Sonnenschein! Also außer hier im Rheinnebel natürlich. Ich hatte es mir ja schon fast gedacht.

Aber ich hab zum Glück genug Energie, um raus zu fahren. Und so mache ich mich auf den Weg. Schon in Ohlsbach leuchten mir die Hänge entgegen. Wozu also weiter fahren? Hoch oben sehe ich die kleine Kapelle. Genau da will ich hin.

Kurz drauf bin ich oben und stelle den Roller ab. Vor der Kapelle steht ein hässliches Gerüst. Ich frage eine Spaziergängerin, was es damit auf sich habe. „Das ist für die Rekruten.“ Ich schaue sie ratlos an. „Fasnacht. Die Neuen in der Narrenzunft werden da auf großen Plakaten begrüßt oder bekannt gegeben oder so.“

Ich fasse es nicht. Dafür verschandeln die Balken das ganze Jahr den Blick auf die Kapelle! Aber Fasnacht hab ich ja noch nie verstanden.

Es ist ganz schön zugig hier oben, deshalb setze ich mich auf das kleine Bänkchen direkt vor der Kapelle und genieße endlich mal wieder die Sonne. Es ist soo schön!

Nach einer Weile dann kommt ein Impuls. Ob die Tür offen ist? Ist sie. Ich gehe hinein. Durch ein Fensterchen in der Tür fällt buntes Licht auf den Holzboden. Ich schließe die Tür hinter mir und werde ganz ruhig.

Der Raum ist winzig. Rechts hängt ein großes Kruzifix an der Wand. Darunter stehen Kerzen. Mit meinem Glauben ist es ja schon lange nicht mehr weit her und ME/CFS hat ihm den Rest gegeben. Aber nun ist da der Gedanke, ein Kerzchen anzuzünden.

Ein Teil in mir findet das albern. Ein anderer weist darauf hin, dass es egoistisch sei, nur für sich selbst zu bitten. Der dritte ist für die Finanzen zuständig und merkt an, dass ich eh keine 50 Cent hab. Mit einem Euro könne ich aber zwei Kerzen nehmen!

Und genau so mache ich das. Ich nehme ein Streichholz und zünde sie an. Eine für mich, auf dass ich viele Tage wie heute bekommen möge. Und eine für all die Menschen, denen es noch viel schlechter geht als mir.

Und dann ist da ein Moment, wo es mir vorkommt, als hörte da doch jemand zu. Als könne ich mich anlehnen. Als würde ich berührt. Ganz leise.

Ich schaue noch eine Weile auf die Flammen. Dann gehe ich, immer noch verwundert, wieder nach draußen.

Und nun?

Ich rolle den Hügel wieder hinunter. Es ist noch früh und ich fühle mich gut. Also biege ich links ab und fahre das Tal hoch. Es ist schmal, der Bach hat recht viel Wasser. Es sieht hier aus wie gemalt.

Dann, nach einer Kurve, stehe ich plötzlich vor einer riesigen Baustelle. Wird das ein Stausee??? Für ein simples Rückhaltebecken wäre das echt gewaltig! Ich schüttle den Kopf und fahre weiter.

Es geht etliche Kurven steil nach oben. Und dann, ganz plötzlich, stehe ich vor dem Brandeck Lindle! Wie, so schnell?

Damals, 2018, hatte ich mich mit dem Moutainbike aufs Brandeck hoch gekämpft. Das war der Auslöser des verhängnisvollen Drüsenfiebers. Dieser Aufstieg hatte mein altes Leben beendet. Und jetzt lande ich hier oben praktisch aus Versehen. Wirklich verrückt.

Das ist für mich das Schöne am Rollerfahren. Ich muss nicht, ich will gar nicht schnell sein. Aber ich bin draußen. Ich komme leicht wohin. Ich bin viel flexibler als mit einem Auto, mal schnell anzuhalten, wenn ich was sehe. Oder auf Verdacht in ein unbekanntes Nebensträßchen rein zu fahren. Mit dem Zweirad braucht man ja nicht viel Platz zum Wenden. Ich bin so dankbar für meine Fahrzeugsammlung!

Ratz-fatz bin ich wieder zuhause. Das war ein richtig schöner Ausflug!
Die Sonne, der Wind, die Eindrücke wirken noch nach.
Und ein kleines Lichtlein brennt noch immer…